Vertical Video Syndrome
Wer hat eigentlich entschieden, dass wir hochkant gucken müssen?
Es war einmal im Internet… - Genauer: im Jahr 2012. Da tauchte auf YouTube ein Video des Kanals Glove and Boots auf. Zwei Puppen erklärten darin mit viel Pathos und einer guten Portion Spott, was sie das „Vertical Video Syndrome“ nannten:
Die fatale Angewohnheit, mit Smartphones hochkant zu filmen.
Ihr satirisches Szenario spitzt sich zu, bis irgendwann sogar die Kinos hochkant gebaut werden – quasi die Wolkenkratzer der Filmgeschichte.
Damals war das ein Gag, eine Parodie. Rund zehn Jahre später ist die Welt gar nicht so weit von dieser absurden Vision entfernt. 2012 lachte man bloß darüber, YouTube kicherte kollektiv: „Ja klar, Hochkant-Kinos – was kommt als Nächstes, Opernhäuser in Liftkabinen?“ Heute spielt sich unser Kino nicht selten auf dem Smartphone ab. Ob auf TikTok, Insta Reels oder Shorts – Hochkant ist Standard. Das gute alte Querformat erscheint so unmodern wie DVDs aus der Videothek, wird zur Rarität.
Und als ob das nicht schon ironisch genug wäre: Das ursprüngliche Manifest gegen Hochkant wurde gelöscht. Die Parodie von Glove and Boots ist im Original gar nicht mehr auf YouTube verfügbar – nur noch als reduzierte Version https://www.youtube.com/watch?v=f2picMQC-9E. Ist das ein Zufall? Oder doch eine groß angelegte Vertuschungsaktion? Vielleicht sitzt ja irgendwo ein Kulturministerium oder ein Lobbyverband der Bauwirtschaft und reibt sich die Hände. „Hochkant-Kinos, das wär’s! Endlich wieder Aufträge für die Betonindustrie!“ Kein Wohnungsbau, aber Kinotürme. Eine Win-Win-Situation für Kultur und Baukonjunktur.

Ein kurzer Exkurs in die Kulturgeschichte der Formate
Das Spannende an Formaten: Sie sind nicht neutral, sie formen unser Sehen. Das hat der berühmte Medientheoretiker Marshall McLuhan schon in den 60er Jahren erkannt: „The medium is the message.“
Also nicht nur was, sondern vor allem wie wir es sehen, verändert unsere Wahrnehmung. Hochkant ist die Sprache des Flüchtigen, Ephemeren. Dem gegenüber transportiert Querformat das Epische, Monumentale.
Die Gemälde in Museen bezeugen: Schon seit Jahrhunderten experimentieren die Menschen mit Bildformaten. Manchmal länglich, manchmal fast quadratisch,… - Kein Wunder also, dass wir uns auch heute noch mit den Formaten rumschlagen.
Das Kino hat sich im 20. Jahrhundert bewusst für das Breitbild entschieden: Cinemascope, 16:9, Panavision – je breiter, desto epischer. Ein Western funktioniert halt besser, wenn man die ganze Prärie sieht, nicht nur den Cowboy von der Brust aufwärts. Der wilde Westen ohne Panoramalandschaft? Unvorstellbar. Mit dem Smartphone hingegen hat die Ergonomie gewonnen. Das Gerät wird hochkant gehalten, weil man so tippt - Fertig. Die Ästhetik geht nach Daumenhaltung.
Walter Benjamin hätte dazu wohl gesagt: Jede technische Neuerung verändert die „Aura“. Die des Kinos war einst bestimmt von Dunkelheit, Leinwand und dem gemeinsamen Schauen. Heute zerbröselt sie im Hochkant-Clip auf dem Handy wie ein Knäckebrot. Filmeschauen ist kein Ritual mehr, sondern Bild-Snacking im Vorbeigehen, Binge-Watching mit einem Auge.

Ultra-Breitbild auf Instagram: die Revolte?
Plötzlich sind sie wieder da, die ultrabreiten Bilder. Quer, trotzig und fast anarchisch, erscheinen sie auf Instagram - Als ob man den Scrollfinger sabotieren will.
Aber ist das eine ernsthafte Revolte? Oder doch nur so eine ironische „Pudding-mit-der-Gabel“-Aktion – nicht, weil es praktisch ist, sondern weil man’s kann? „Quer bleibt quer“ - eine Parole auf der Demo gegen die Hochkant-Diktatur.
Medienwissenschaftlich lässt sich hier eher die klassische Format-Müdigkeit vermuten. Alles, was dominiert, langweilt uns irgendwann und erzeugt Abwehr. So wie Vinyl-Platten wiederkommen, während alle Streaming hören, oder die Polaroids, weil die Handykameras immer perfekter werden.

Heilung oder Konjunktur?
Also: Werden wir gerade vom Vertical Video Syndrome geheilt? Oder ist das nur die nächste Welle in der ewigen Format-Schaukel?
Vielleicht ist die Wahrheit gar nicht so dramatisch. Vielleicht pendelt sich das Ganze ein, wie es das in der Kulturgeschichte oft tut. Hochkant für die kurzen Clips, die man nebenbei schaut, wenn man auf die Bahn wartet. Quer für die Inhalte, bei denen man sich hinsetzt und wirklich guckt. Der eine Modus fürs Snack-Content, der andere fürs Drei-Gänge-Menü.
Und falls doch irgendwann jemand die Hochkant-Kinos errichtet, dann gibt es eben bald Popcorn in der 25. Etage. Bis dahin gilt: Egal ob hoch, quer oder ultrabreit – Hauptsache, das Video ist gut. Gehen wir’s gemeinsam an!
